Symbolbild mithilfe von KI erstellt
Thüringen-Monitor 2025 zur politischen Kultur
Thüringen hält zusammen – doch das Vertrauen in die Politik bleibt schwach
Der Thüringen-Monitor 2025 zeichnet ein widersprüchliches Bild: Die Zustimmung zur Demokratie als Staatsidee ist so hoch wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr, zugleich bleibt das Vertrauen in die aktuelle Politik niedrig. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Freistaat ist das beides – eine Ressource und ein Warnsignal.
Der Thüringen-Monitor wird seit dem Jahr 2000 jährlich im Auftrag der Thüringer Staatskanzlei erhoben und untersucht politische Einstellungen sowie gesellschaftliche Entwicklungen im Freistaat. Das Forschungsteam am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena und dem KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration – hat die Ergebnisse des Thüringen-Monitor 2025 am 12. Mai vorgestellt.
Für die aktuelle Erhebung wurden 3.838 wahlberechtigte Thüringerinnen und Thüringer telefonisch sowie webbasiert befragt. Schwerpunktthema ist der gesellschaftliche Zusammenhalt.
In den Kerndaten zeigt sich eine klare Diskrepanz zwischen demokratischem Grundkonsens und politischer Unzufriedenheit: 90 Prozent stimmen der Demokratie als Staatsidee zu – der höchste Wert im 25-Jahres-Vergleich der Studie. Mit dem gegenwärtigen Funktionieren der Demokratie in Deutschland sind jedoch nur 44 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden. Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt bei 21 Prozent, in die Landesregierung bei 29 Prozent.
Starker Rückhalt vor Ort, schwache Bindung an politische Institutionen
Die Untersuchung zeichnet zunächst ein Bild stabiler lokaler Verankerung. Rund 90 Prozent der Befragten fühlen sich sehr oder eher stark mit Thüringen verbunden. Natur und Landschaft sowie Kultur, historisches Erbe und Traditionen werden dabei als besondere Stärken genannt. 85 Prozent sind mit der Lebensqualität an ihrem Wohnort sehr zufrieden. 68 Prozent sehen sich in stabile soziale Beziehungen und Netzwerke eingebunden, 83 Prozent erwarten Unterstützung aus dem nahen Umfeld, wenn sie Probleme haben.
Studienleiterin Marion Reiser, Politikwissenschaftlerin an der Universität Jena, ordnet diese Befunde als einen Zusammenhalt ein, der stark im Nahraum entsteht – über Gemeinde, vertraute Orte, gemeinsame Erfahrungen und lokale Beziehungen. Genau darin liegt eine Stabilitätsreserve: Wo Alltag, Vereine, Nachbarschaften und Familiennetzwerke tragen, kann das Konflikte abfedern und Krisen besser überstehen helfen.
Gleichzeitig bleibt die Übertragung dieser Nähe in Vertrauen zu politischen Institutionen begrenzt. Der Monitor legt nahe, dass viele Thüringerinnen und Thüringer Demokratie als Prinzip bejahen, die praktische Leistungsfähigkeit politischer Prozesse aber skeptisch bewerten – insbesondere auf Bundes- und Landesebene. Politisch ist das heikel: Wenn nicht die demokratische Ordnung, wohl aber ihr Funktionieren als unzureichend wahrgenommen wird, entsteht eine dauerhafte Angriffsfläche für Erzählungen, die Politik pauschal als abgehoben oder wirkungslos darstellen.
Hinweise auf eine vorhandene Bereitschaft zur Beteiligung gibt es dennoch. 20 Prozent können sich eine Kandidatur für ein Amt oder Mandat in ihrer Gemeinde vorstellen; weitere neun Prozent engagieren oder engagierten sich bereits auf diese Weise. Das spricht dafür, dass demokratische Mitwirkung vor Ort für einen relevanten Teil der Bevölkerung nicht nur abstrakt, sondern praktisch denkbar bleibt – selbst wenn das Vertrauen in „die Politik“ insgesamt gering ist.
Rechtsextreme Einstellungen bleiben ein Problem
Beim Blick auf rechtsextreme Einstellungsmuster zeigt der Thüringen-Monitor 2025 eine gemischte Entwicklung. Zwei erfasste Bestandteile sind nach vorherigen Anstiegen erstmals leicht rückläufig: Die Zustimmung zu einem starken Nationalgefühl sank von 61 Prozent im Jahr 2024 auf 53 Prozent. Die Zustimmung zur sozialdarwinistischen Aussage „Es gibt wertvolles und unwertes Leben“ fiel von 22 auf 13 Prozent.
Eine Entwarnung ergibt sich daraus jedoch nicht. Der Anteil derjenigen, die beide Bestandteile des einstellungsmäßigen Rechtsextremismus teilen, bleibt mit 18 Prozent konstant. Für die demokratische Kultur ist das ein schwerer Befund, weil er auf eine stabile Verankerung rechtsextremer Denkmuster in einem relevanten Teil der Bevölkerung hindeutet – trotz einzelner Rückgänge bei spezifischen Aussagen.
Die Folgen zeigen sich nicht erst in Wahlergebnissen oder öffentlichen Debatten, sondern im sozialen Alltag: Wo solche Einstellungen anschlussfähig bleiben, berührt das die Sicherheit und Teilhabe von Minderheiten, das Klima in Schulen, Vereinen und Initiativen sowie die Bereitschaft, Konflikte demokratisch auszutragen. Der Monitor beschreibt damit keine Randerscheinung, sondern eine strukturelle Herausforderung für Zusammenhalt und demokratische Normen.
Populismus bleibt verbreitet und verschiebt sich nach rechts
Noch weiter verbreitet sind populistische Einstellungen: 58 Prozent der Befragten werden in dieser Kategorie erfasst. Besonders brisant ist die Überlappung mit rechtsextremen Mustern: Unter den Befragten mit populistischen Einstellungen teilen 66 Prozent zugleich entsprechende rechtsextreme Einstellungsmuster.
Reiser bewertet diese Entwicklung als eine Verschiebung: Populismus habe sich zuletzt nicht weiter ausgebreitet, sich aber stärker nach rechts orientiert. Damit verschärft sich die politische Konfliktlinie. Denn wo Misstrauen in Institutionen, populistische Deutungen und rechtsextreme Einstellungen zusammenfallen, steigt das Risiko, dass demokratische Verfahren nicht nur kritisiert, sondern grundsätzlich delegitimiert werden.
Der Thüringen-Monitor 2025 zeichnet so insgesamt kein Bild eines zerfallenden Freistaats – im Gegenteil: Die lokalen Bindungen und die Zufriedenheit im unmittelbaren Lebensumfeld sind hoch. Gerade deshalb wiegt die zweite Beobachtung schwer: Die Distanz zu politischen Institutionen bleibt groß. Für Parteien, Regierungen und Kommunen liegt die zentrale Frage nicht darin, ob Menschen Demokratie wollen – sondern ob Politik nachvollziehbar, wirksam und fair genug erscheint, damit Zustimmung zur Idee auch Vertrauen in die Praxis werden kann.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- https://www.uni-jena.de/420893/unterstuetzung-der-demokratie-bleibt-stark-verankert-doch-das-vertrauen-in-aktuelle-politik-bleibt-gering, 11.06.2026
- https://www.komrex.uni-jena.de/6006/thueringen-monitor-2025
- https://www.uni-jena.de/en/420893/support-for-democracy-remains-strong-but-trust-in-current-politics-remains-low
- https://karriere.thueringen.de/unsere-geschaeftsbereiche/thueringer-staatskanzlei

